Tom Kannmacher macht Musik auf Irish Uilleann Pipes - und baut sie auch teilweise

Was sind denn Irish Uilleann Pipes ?


Hinter diesem zweisprachigen Begriff (Uilleann = irisch "Ellenbogen") verbirgt sich die weltweit höchstentwickelte, in Irland entstandene Bauform der Sackpfeifen. Die Iren haben damals im 18. Jahrhundert vielen Sackpfeifenmachern über die Schulter geschaut: Die Deutschen bauten Bordunpfeifen in einem gemeinsamen Stock (Hümmelchen), die französischen Hofinstrumentenbauer fertigten Dudelsäcke mit Blasebalg an, mit engen Bohrungen und mehreren Melodiepfeifen (Musette de cour), Aber es war ein Ire, John Geogheghan, der die zündende Idee hatte: Eine Barockoboe an einen Sack und Blasebalg mit zwei Bordunen anzuschließen. So entstand die New Pastoral Bagpipe, auf der die sorglos reichen Zeitgenossen noch ein halbes Jahrhundert lang "pastorale" Musik, also die Melodien der Schäfer, Bauern und anderer Leute des "einfachen" Lebens spielten (oder was die weniger einfach lebenden dafür hielten: Menuette, Gavotten etc.) Die angeschlossene Barockoboe wurde dahingehend verbessert, daß man sie aufs Knie aufsetzen konnte, so daß Pausenspiel möglich wurde. Immer mehr Pfeifen wurden angebaut, und das heutige Standardinstrument hat 3 Bordunen (d' - d - D), drei "Regulatoren" (regulators), Pfeifen mit geschlossenen Klappen die, wenn man diese anspielt, Harmonieakkorde zu Melodie und Bordunen ermöglichen, und der Melodiepfeife, die 2 Oktaven in voller Chromatik bringt und auf der in Grenzen auch dynamisches Spiel möglich ist. Die erste Entwicklungsphase der damals so genannten Union Pipes ist auf der CD "Music of the Gentlemen Pipers" zu hören (Siehe "News"). Heute ist das Instrument der typischste und konsequenteste Vertreter der traditionellen irischen Musik, und längst haben die Gavotten und Menuette den Jigs, Reels, Hornpipes und Airs Platz gemacht. Viele haben sie schon gesehen oder gehört, ohne genau darauf zu achten: In der Tanzshow "Riverdance", im Film "Brave Heart", im Zwischendeck der "Titanic", und natürlich in den Stücken irischer Gruppen wie "The Chieftains", "Planxty" u.a.m.
 Ich habe die Uilleann Pipes zum ersten Mal von Finbar Furey auf seiner Rundfunk - Tournee 1972 im Radio gehört und war von ihnen mehr hingerissen als von all den anderen Instrumenten, die ich bis dahin gespielt hatte. Ich habe1976 eine Concertina gegen ein practice set Uilleann Pipes von Dan O'Dowd eingetauscht und übe seitdem autodidaktisch dieses Instrument. 1977 kaufte ich mutig mein erstes full set von John Addison (der um 2000 auf tragische Weise verstorben ist) und lernte all die Unzulänglichkeiten eines neuen Instruments der damaligen Pionier - Ära des Herstellens kennen und beheben: Undichter Sack, falsch geformter Bellows, zu enge Blowpipe, falsch dimensionierte reeds, falsch stehende Grifflöcher etc. etc. Ich lernte viele kleine Bautechniken und wandte sie auch in der Zukunft an, so dass dieses Instrument heute perfekt bis in den letzten Regulatorton funktioniert und ich meine Technik über das ganze full set entwickeln konnte. Andere sets kamen hinzu, mittlerweile stehen 4 full sets in d, cis, und c und ein half set in h und d sowie 4 practice sets zum Ausleihen zur Verfügung. Außerdem gibt es eine Reihe von chantern in es, e, Bb, und c, sodaß alle Tonarten und modi spielbar sind.
Die erweiterte Harmonik der Uilleann Pipes
1989 baute ich aus einem Kiernan - half set body, eigenem bag und bellows sowie eigenen Regulatoren ein cis - set an einen cis - Chanter aus dem 19. Jahrhundert. Dieses set ist mein ausgesprochenes Solo - Instrument, auf dem ich meine Vorstellungen von Uilleann piping realisieren kann. Ich bin hierbei besonders inspiriert von Seamus Ennis und Willie Clancy, Robbie Hannan und anderen Spielern, die die sanften flat pipes bevorzugen. Sie spielten mit viel Improvisation und Phantasie und mit klar unterscheidbarem persönlichen Stil. Überhaupt verstehe ich unter konsequenter Uilleann Pipes - Kunst die eher wohlklingend - sanften Töne in tight - fingering style als das derzeit vorherrschende open fingering auf zum Teil brutal lauten Instrumenten, bedingt durch den Schalldruck - Wettstreit in sessions und bands. Seit den 80ern experimentierte ich mit dem standardmäßig fehlenden Ton e' innerhalb der Regulatoren, der dazu führte, dass ich seit ca. 1990 diesen Ton regulär in meine Regulatortechnik einbeziehe. Dieser Ton liegt als Klappe außerhalb des traditionellen Klappenfelds neben dem Baß und erlaubt die Kombination mit den Tönen des Basses und des Tenorregulators - auch während des Spiels der rechten Hand am chanter. Durch Hans - Jörg Podworny, der mir sein Instrument mit einer Bordungruppe in e/e' ausgeliehen hatte, wurde ich auf die Wirkung dieser Bordunen in den e - und a - tunes aufmerksam und konstruierte eine Wechselschaltung, die es ermöglicht, in "fliegendem" Spiel den Baritonbordun in e - Stimmung gegen Bass plus Tenor in D zu wechseln. Später kam noch ein kleiner Bordun zum set dazu, der in g, a und h zu stimmen geht und mit dem Bariton zusammen Bordungruppen in d-g, d-a, e-a und e-h bilden kann. Diese Erweiterung der Begleitharmonien rückt die Uilleann Pipes ein in den Kreis der Instrumente mit vollständiger funktionaler Akkordbegleitung, die durch das fehlende e' und die Bordunfestlegung auf Ddd' lückenhaft ist - wenn auch von den traditionellen Puristen so nicht empfunden. Ich habe für mich entschieden, daß mein piping so angemessen in mein musikalisches Umfeld hierzulande integriert ist, wobei mir wichtig ist, daß alle Stilmerkmale der von mir vorgefundenen Tradition ungeschmälert weiter spielbar bleiben. Es findet eine Erweiterung des musikalischen Spektrums, keine Veränderung statt.
Diese E - Experimente sind genau geschildert in The Piper's Review, Iris na bPíobairí, Vol. XXIII No. 1 - Winter 2004: Exploring the Missing Link: the "e" in Uilleann Pipe Harmonies. Zu bekommen über charm@seanet.com
Ich habe die Pipes in vielfältigen Programmen auf der Bühne gespielt: Carolan - tunes mit Thomas Breckheimer in den frühen 80ern, danach Jazz im "Tom Kannmacher Trio", in den Musikschul - Bands "Cherry Alley" 1982 bis 2002, "Rolling Wave" seit 1985, "Ryan's Airs", zusammen mit dem Harfenisten Christoph Pampuch, mit dem flute - Spieler, Sprachwissenschaftler und Poeten Diarmuid Johnson ...
Im Studio habe ich gearbeitet für Heinz Rudolf Kunze ( "Alles , was sie will", "Packt sie und zerhackt sie"), LSE ("Kniesbüggel"), Paddy Kelly ("Hope") und Le Clou ("Les Pirates"), LSE aus Köln, die Mittelalter - Gruppe Spectaculatius und 2007 für eine CD - Produktion von Brendan Keeley. Diese Art zu arbeiten macht mir Spaß, und ich verfüge über genug Instrumente, um in allen Tonarten zumindest einen chanter einsetzen zu können. Bordunstimmungen kann ich in H, C, Cis und D bereitstellen.
Während meiner immerwährenden Bemühungen, meine Spieltechnik zu verbessern, bin ich auf die Möglichkeiten gestoßen, die sich aus dem Spiel mit möglichst ökonomischem Krafteinsatz der Finger und besonders der Daumen ergeben. In Zusammenarbeit mit dem Sportarzt Dr. Herda habe ich Stützen für den Chanter entwickelt, mit denen noch entspannteres Spiel als bisher möglich ist. Sie lassen das Gewicht des chanters auf der linken Hand aufliegen und stellen die Finger und Daumen von der Aufgabe des Aufhebens frei. Somit kann sich die eigentliche Spieltechnik freier entfalten (ähnlich wie beim Geigenspiel mit Kinnstütze, die die Hände für das Lagenspiel vom Halten der Geige freistellt). Auch bin ich zu der Daumen - Gleitplatte für das linke Daumengriffloch zurückgekommen, mit denen ich schon in den 80ern gespielt habe.Hierüber und über die Probleme des Auffindens einer möglichst ergonomischen Spielhaltung schrieb ich in The Piper's Review, Iris na bPíobairí, Vol. XXVI No. 1 Winter 2007: Searching for the proper playing position.... Zu bekommen über charm@seanet.com

Johnny Cope, mit e' und Multidrones
Dieses Stück wurde eingespielt mit e' auf einem vierten Regulator und zwei unabhängigen Bordungruppen, in D und in A, die die verschiedenen Tonarten in den 6 Teilen des tunes deutlich machen.
08-08 _ Tom Kannmacher - Johnny Cope_war
MP3 Audio Datei 4.4 MB